Kolloquium · Bachelorarbeit
Marcel Rückert · Matrikel-Nr. 32112051

USABILITY &

FUNKTIONALITÄT IN KMU

Welchen Einfluss haben Usability und Funktionalität auf die Kaufbereitschaft
traditioneller KMUs gegenüber Automatisierungssoftware?

IU Internationale Hochschule  ·  Wirtschaftsinformatik B.Sc.  ·  2026
Agenda
1
Einführung
Ausgangslage in KMU  ·  Automatisierungssoftware  ·  Forschungsfrage
ca. 3 min
2
Forschungsprozess
Theorie  ·  Hypothesen  ·  Methodik  ·  Datengüte  ·  Ergebnisse
ca. 8 min
3
Kritische Bewertung & Fazit
Implikationen  ·  Limitationen  ·  Fazit & Ausblick
ca. 4 min
01
Einführung
Ausgangslage · Automatisierungssoftware · Forschungsfrage  |  Folien 4 – 5
Ausgangslage & Problemstellung in KMU
Wirtschaftliche Relevanz
  • KMU bilden das Rückgrat der deutschen Wirtschaft
  • > 99 % aller Unternehmen sind KMU
  • Erheblicher digitaler Rückstand gegenüber Großkonzernen
KMU-Spezifische Hürden
  • Begrenzte personelle & finanzielle Ressourcen
  • Überlastung durch Funktionshäufung der Führungskräfte
  • Pragmatisch gewachsene Arbeitsroutinen
Das eigentliche Problem

IT-Projekte scheitern selten an der Technik — sondern an mangelnder Nutzerakzeptanz und fehlerhafter Integration in bestehende Arbeitsabläufe.

„A great way to fail in your digital transformation is to focus on the deployment of technology rather than its adoption by people."

— Westerman et al., 2014

Quellen: Bundesnetzagentur, 2023 · Westerman et al., 2014 · Pfohl & Arnold, 2013

Automatisierungssoftware & Forschungsfrage
Der Hebel — RPA
  • Robotic Process Automation (RPA) automatisiert repetitive Aufgaben auf GUI-Ebene
  • No-to-Low-Code — greift nicht in Legacy-Architekturen ein
  • Entlastet knappes Humankapital in KMU
  • Ideal für ressourcenbeschränkte Organisationen
Das Spannungsfeld

Funktionalität

Technischer Leistungsumfang

Usability

Erlernbarkeit & Bedienbarkeit

Zentrale Forschungsfrage

„Welchen Einfluss haben Usability und Funktionalität auf die Kaufbereitschaft traditioneller KMUs gegenüber Automatisierungssoftware?"

Quelle: OECD, 2021 · Eigene Darstellung

02
Forschungs-
prozess
Theorie · Hypothesen · Methodik · Datengüte · Ergebnisse  |  Folien 7 – 12
Theoretische Fundierung
Theoretische Modelle

TAM — Technology Acceptance Model
Davis, 1989

Perceived Usefulness (PU) und Perceived Ease of Use (PEOU) als zentrale Determinanten der Nutzungsabsicht

IS Success Model
DeLone & McLean, 1992 / 2003

Systemqualität → Nutzerzufriedenheit → Organisationaler Impact

Normative Basis

ISO 9241-11

Usability = Effektivität + Effizienz + Zufriedenstellung

ISO/IEC 25010

Software-Produktqualität & Funktionale Eignung

Ableitung: Beide Modelle und Normen liefern die theoretische Basis für die Operationalisierung von Usability, Funktionalität und Kaufbereitschaft als messbare Konstrukte.

Ableitung der Hypothesen
Usability
Funktionalität
H1
H2
Kaufbereitschaft
H3: Moderation

H1 — Direkter Effekt

Wahrgenommene Usability hat einen signifikant positiven Einfluss auf die Kaufbereitschaft.

H2 — Direkter Effekt

Wahrgenommene Funktionalität hat einen signifikant positiven Einfluss auf die Kaufbereitschaft.

H3 — Moderationseffekt

Usability moderiert H2 — Funktionalität wirkt bei hoher Usability stärker kaufentscheidend.

Forschungsdesign & Methodik
① Design
Quantitativ
Deskriptiv-explorativ
Querschnittsdesign
Online-Befragung (SoSci Survey)
② Operationalisierung
Etablierte Skalen
SUS · USE · TAM
Angepasst an KMU-Kontext
5-stufige Likert-Skala
③ Rekrutierung
Zielgruppe
KMU-Entscheidungsträger
Business-Netzwerke
Schneeballverfahren
n = 43
Qualifizierte Datensätze
3
Konstrukte operationalisiert
(Usability · Funktionalität · Kaufbereitschaft)
Likert
Aggregierte Skalen
quasi-metrisch behandelt
Spearman / OLS
Statistische Verfahren
Korrelation + Regression
Evaluation des Messmodells (Datengüte)
Abb. 4 — Nutzung von Automatisierungssoftware
Nutzung von Automatisierungssoftware – 74,4 % Ja
Stichprobe & Reliabilität

74,4 % der Unternehmen nutzen bereits Automatisierungssoftware → hohe Praxisrelevanz der Stichprobe

Persönliches IT-Erfahrungsniveau: M = 3,26 (mittel) → repräsentative KMU-Anwender, keine IT-Spezialisten

Cronbachs α — Interne Konsistenz
Skala Cronbachs α Bewertung
Usability0,705Akzeptabel ✓
Funktionalität0,870Gut ✓
Kaufbereitschaft0,951Exzellent ✓

Schwellenwert: α > 0,70 — alle Skalen bestätigt

Ergebnisse I — Direkte Effekte (H1 & H2)
Abb. 7 — H1: Usability → Kaufbereitschaft (Scatterplot)
H1 Scatterplot: Usability vs. Kaufbereitschaft, ρ=0.571***
Methode: Spearman-Rangkorrelation
H1 — Usability → Kaufbereitschaft ANGENOMMEN ✓

Starker, hochsignifikanter Zusammenhang

ρ = 0,571  ·  p < 0,001

H2 — Funktionalität → Kaufbereitschaft VERWORFEN ✗

Schwacher, nicht signifikanter Zusammenhang

ρ = 0,228  ·  p = 0,142

Aha-Moment: Funktionalität allein kann die Kaufentscheidung nicht erklären → bereitet die Bühne für H3.

Ergebnisse II — Moderationseffekt (H3)
Abb. 10 — H3: Moderationseffekt von Usability (Simple Slopes)
H3 Simple Slopes: Moderationseffekt Usability auf Funktionalität → Kaufbereitschaft
Methode: Hierarchische multiple Regression
H3 — Moderationseffekt ANGENOMMEN ✓

Signifikanter Interaktionsterm

ΔR² = 9,5 %  ·  p = 0,011

Simple-Slopes-Analyse:

  • 🔴 Hohe Usability: Funktionalität wirkt stark kaufsteigernd
  • 🟡 Mittlere Usability: Moderater Effekt
  • 🔵 Niedrige Usability: Funktionalität wirkt nicht kaufsteigernd

Kernbefund: Usability fungiert als zwingender Katalysator — ohne sie bleibt das Potenzial der Funktionalität ungenutzt.

03
Kritische
Bewertung & Fazit
Implikationen · Limitationen · Fazit & Ausblick  |  Folien 14 – 17
Zusammenfassung & Praktische Implikationen
Paradigmenwechsel

Feature-getriebene Strategie ✗
Maximaler Funktionsumfang als Verkaufsargument — verfehlt die Bedürfnisse ressourcenknapper KMU

Usability-First-Strategie ✓

  • – Minimalistische, lernzugewandte Interfaces
  • – Drastisch reduzierte Lernkurven
  • – Geführte Onboarding-Prozesse
Theoretische Erkenntnis

Die Gewichtung der TAM-Faktoren ist stark kontextabhängig.

Bei ressourcenknappen KMU mit Generalisten-Profilen dominiert die Bedienbarkeit (PEOU) über die wahrgenommene Nützlichkeit (PU).

Usability ist kein „Nice-to-have" — sie ist die zwingende Gelingensbedingung, um den Wert von Funktionalität für KMU freizusetzen.

Kritische Reflexion & Limitationen
1
Stichprobengröße (n = 43)

Begrenzte statistische Aussagekraft und eingeschränkte Generalisierbarkeit. KMU-Entscheidungsträger sind eine „Hard-to-reach"-Zielgruppe. Trotzdem: H1 und H3 hochsignifikant (p < 0,001 bzw. p < 0,05) → starke tatsächliche Effekte.

2
Stichprobenziehung — Selbstselektionsbias

Gelegenheitsstichprobe via Business-Netzwerke birgt das Risiko technologieaffinerer Teilnehmer. Entgegen: persönliches IT-Erfahrungsniveau M = 3,26 (mittel) → repräsentative KMU-Anwender, keine IT-Spezialisten.

3
Querschnittsdesign — Keine Kausalität

Identifikation von Zusammenhängen möglich, valide Kausalschlüsse jedoch nicht ableitbar. Kausalitätsrichtung wird aus TAM-Theorie abgeleitet; empirische Bestätigung erfordert experimentelle Designs.

4
Kontext-Fokus (RPA / DACH-Raum)

Ergebnisse spezifisch für leichtgewichtige RPA-Software im deutschsprachigen Raum. Übertragbarkeit auf hochkomplexe Systeme (ERP/CRM) oder andere Märkte fraglich.

Fazit & Ausblick
Technologisches
Potenzial
USABILITY
Praktische
Wertschöpfung in KMU

Usability ist der entscheidende Schlüssel, der die Tür zur vollen Entfaltung von Automatisierungssoftware in KMU öffnet. Funktionalität wirkt als Katalysator nur in Kombination mit hoher Usability kaufsteigernd.

🔬 Longitudinale Studien

Beobachtung des tatsächlichen Implementierungserfolgs über Zeit — kausale Wirkmechanismen besser abbilden.

🧪 Experimentelle Designs

Isolation kausaler Effekte durch Software-Prototypen; Ausdehnung auf ERP/CRM-Systeme und internationale Märkte.

Literaturverzeichnis

Bundesnetzagentur. (2023). Digitalisierung in Deutschland: Jahresbericht 2023. Bundesnetzagentur.

Davis, F. D. (1989). Perceived usefulness, perceived ease of use, and user acceptance of information technology. MIS Quarterly, 13(3), 319–340.

DeLone, W. H., & McLean, E. R. (1992). Information systems success: The quest for the dependent variable. Information Systems Research, 3(1), 60–95.

DeLone, W. H., & McLean, E. R. (2003). The DeLone and McLean model of information systems success: A ten-year update. Journal of Management Information Systems, 19(4), 9–30.

International Organization for Standardization. (2018). ISO 9241-11:2018 — Ergonomics of human-system interaction — Part 11: Usability: Definitions and concepts. ISO.

International Organization for Standardization. (2011). ISO/IEC 25010:2011 — Systems and software Quality Requirements and Evaluation (SQuaRE). ISO.

OECD. (2021). The Digital Transformation of SMEs. OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/bdb9256a-en

Pfohl, H.-C., & Arnold, U. (2013). Betriebswirtschaftslehre der Mittel- und Kleinbetriebe (5. Aufl.). Erich Schmidt Verlag.

Westerman, G., Bonnet, D., & McAfee, A. (2014). Leading digital: Turning technology into business transformation. Harvard Business Review Press.

Danke.

Vorlegender

Marcel Rückert
Matrikel-Nr. 32112051
Wirtschaftsinformatik B.Sc.
IU Internationale Hochschule

Kontakt & Thema

Welchen Einfluss haben Usability und Funktionalität
auf die Kaufbereitschaft traditioneller KMUs
gegenüber Automatisierungssoftware?

Q&A — BackupBACKUP
Stichprobe n = 43 zu klein?
KMU-Entscheidungsträger = „Hard-to-reach"-Gruppe. Trotz kleinem n waren H1 und H3 hochsignifikant (p < 0,001 / p < 0,05) → starke tatsächliche Effekte. Explorative Studie mit klarer Tendenz.
Likert ordinal — Regression zulässig?
Spearman für bivariate Effekte (ordinal, sicher). Aggregierte Likert-Skalen als quasi-metrisch für Regression — etablierte sozialwiss. Konvention.
Korrelation ≠ Kausalität?
Kausalitätsrichtung aus TAM-Theorie (PEOU → PU → Nutzungsabsicht). Daten stützen das Modell, beweisen es streng genommen nicht → deshalb: Forderung nach experimentellen Designs.
Generalisierbarkeit auf ERP?
RPA = leichtgewichtig, GUI-basiert. Bei ERP greifen Prozesse tiefer — Funktionalität hätte dort wohl einen stärkeren direkten Effekt. Kontextabhängigkeit explizit als Limitation adressiert.
Abb. 8 — H2: Funktionalität → Kaufbereitschaft
H2 Scatterplot: Funktionalität vs. Kaufbereitschaft, ρ=0.228 n.s.

Spearman's ρ = 0,228 · p = 0,142 (n.s.) · n = 43